STERN 37/2007 vom 06.09.2007  -  Auf der Jagd nach Provisionen          


 Reportage vom 29.04.2007 auf B5 aktuell "Funkstreife"

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JUSOS lehnen Ehrenbürgerwürde für Dr. Pohl ab: http://jusos-marburg.sozi.info/

„Erkaufter Titel“ für Millionär Pohl? (Frankfurter Rundschau vom 14.07.2006)

Jusos nennen Ehrenbürgerschaft für DVAG-Chef skandalös / Angeblich mit Firmenverlagerung gedroht

Der Mäzen Reinfried Pohl soll Ehrenbürger der Universitätsstadt Marburg werden. Dass seinem Unternehmen – der Deutschen Vermögensberatung – zweifelhafte Geschäftspraktiken vorgeworfen werden, schreckt den rot-grün regierten Magistrat nicht.

Marburg. Reinfried Pohl ist einer der großen Gewerbesteuerzahler in Marburg. Dass er den Firmensitz der Deutschen Vermögensberatung Holding als Dachgesellschaft Ende der 90er Jahre von Frankfurt nach Marburg verlegt hat, bringt der Stadtkasse jedes Jahr etwa sechs Millionen Euro ein. Doch der 78 Jahre alte Marburger Millionär fühlte sich – so kolportieren es Stadtverordnete – in seiner Wahlheimat nicht angemessen gewürdigt. Es habe die Gefahr bestanden, dass er seinen Firmensitz wieder nach Frankfurt verlegen würde. Und dies soll der Anlass für die geplante Ehrenbürgerschaft gewesen sein. „Skandalös“ finden dies nur die Jusos. „Für wie viel Geld wird man sich diesen Titel demnächst kaufen können?“, fragt der Juso-Vorsitzende Timo Paul.

„Wir ehren den Menschen“

„Wir ehren den Menschen und den Bürger Pohl in seiner tiefen Verbundenheit zu Marburg“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). Der Gründer der Deutschen Vermögensberatung, der seit seinem Jurastudium an der Lahn lebt, zahlt nämlich nicht nur viel Gewerbesteuer und hat den Bau der Marburger Luxushotels Vila Vita initiiert. Er hat sich auch als Mäzen der Philipps-Universität einen Namen gemacht, für die er eine Stiftung gegründet hat. Ferner hat er eine Lektorenstelle für Portugiesisch, die Restaurierung der Orgel und die Erneuerung der Stühle in der Alten Aula finanziert sowie eine Forschungsstelle für Finanzdienstleistungen an der Hochschule gegründet. Die Universität hat ihn deshalb bereits zum Ehrendoktor und 1998 zum Ehrensenator gemacht.
Ganz ohne Proteste verliefen diese Ehrungen nicht. Die Geschäftspraktiken der DVAG, der er bis heute vorsteht, sind nämlich durchaus umstritten. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel bezeichnete Pohls Mitarbeiter einst als „Heer von fachlichen Nieten“. Der ehemalige Vermögensberater Wolfgang Dahm schrieb 1995 in seinem Buch „Beraten und Verkauft“, dass die Kunden „in vielfältiger Weise übers Ohr gehauen“ würden. Bis zum Bundesgerichtshof versuchte Pohl erfolglos, die Verbreitung des Buches zu verhindern. Ähnliche Vorwürfe erhebt der ehemalige Mitarbeiter Jens Klingebiel, der eine Webseite für DVAG-Aussteiger betreibt. Und der Bund der Versicherten warnt bis heute vor der „größten Drückerkolonne Deutschlands“. Sprecher Thorsten Hudnik: „Niemand sollte erwarten, dass er von der Vermögensberatung irgendeine Art objektive Beratung bekommt“. Die Qualität der Vermittler sei „völlig unzureichend“. „Wir würden ihm die Ehrenbürgerwürde nicht geben“, sagt Hudnik. Das sehen der rot-grün regierte Magistrat und die bürgerliche Opposition im Rathaus offenbar anders. Im Ältestenrat und im Haupt- und Finanzausschuss ist der Plan bereits ohne Gegenstimme abgesegnet worden. Enthaltungen gab es nur von der „Marburger Linken“.

Theo Waigel sitzt im Aufsichtsrat

Dagegen weiß der grüne Fraktionsvorsitzende Dietmar Göttling, dass Pohls „Historie für manche nicht widerspruchsfrei“ sei: „Aber er hat viel für die Stadt getan.“ Und Oberbürgermeister Egon Vaupel meint: „Wenn jemand wirtschaftlich so erfolgreich ist, gibt es immer auch kritische Betrachtungen“. Für die Stadt gehe es aber um Pohls Verdienste für Marburg. Im übrigen könne er sich nicht vorstellen, dass sich die Firma so lange erfolgreich am Markt hätte halten können, wenn die Vorwürfe stimmen würden: „Soweit mir bekannt ist, wird großer Wert auf Fortbildungen und Qualität der Mitarbeiter gelegt“. Das sehen offenbar viele Politiker so: Der ehemalige Kanzleramtsminister Friedrich Bohl (CDU) sitzt im Vorstand, der frühere Finanzminister Theo Waigel (CSU) im Aufsichtsrat. Helmut Kohl, Walter Wallmann, Bernhard Vogel und ZDF-Intendant Dieter Stolte fungieren als Beiratsmitglieder.